Rudolf Würthner, Fritz Dobler, Hugo Noth, Hubert Deuringer… Rund um Trossingen hat sich im letzten Jahrhundert viel getan, um das Akkordeonspiel in geordnete Bahnen zu lenken. Wir alle kennen die Übertragungen, Arrangements, Kompositionen und Interpretationen der Wegbereiter hierzulande. Bei meinem Besuch in den USA wurde mir zuerst richtig klar, dass die deutschen Akkordeon-Ikonen damit aber keinesfalls alleine waren. Ein Blick über den Tellerrand und über den großen Teich…

In diesem Blog erscheinen Hörtipps mit Kommentaren dazu. Auf eure Ergänzungen und Anmerkungen bin ich natürlich sehr gespannt!

 

1. Pietro Deiro (1888 – 1954) – der selbsternannte “daddy of the accordion”.
http://www.loc.gov/jukebox/recordings/detail/id/4108 zeigt seinen Melody Rag. Mit Aufzeichnungen von 1914 war Deiro einer der Ersten, die überhaupt Einspielungen mit dem Akkordeon vornahmen.
Die Aufnahme ist wieder einmal ein Beweis dafür, wie gerne Ragtime heute zu schnell oder falsch gespielt wird. Auf den ersten Augenblick wirkt Deiros Spiel daher etwas plump. Den Charme dieser Zeit stilecht zu imitieren, erweist sich hingegen als gar nicht so einfach.
Formal folgt das Stück der Anlage |Intro |A |B ||:C :||A |B |Transition ||:Trio :|| Intro |A |B ||. Wobei das Trio bei der Wiederholung mit Punktierungen, die schon etwas nach zickig angedeutetem Swing Feel klingen, und Dreiklangsbrechungen ausgeschmückt ist.
Eine besondere Bedeutung hat die Mediante Eb in G-Dur, die überraschend vor der Dominanten zum Einsatz kommt.
Interessant ist auch die Begleitung der linken Hand, die vorwiegend stampfend portato spielt, jedoch auch melodiöse Elemente in Komplementierung der rechten Hand annimmt und dann breiter klingt. In C wird der Akkord zum Kontrast an den Grundton gebunden, typische Ragtime Synkopen werden durch eine Bindung zur nächsten Eins hervorgehoben.

2. Guido Deiro (1886 – 1950) – “Der weltweite Vorreiter des Pianoakkordeons (The Worl’s Foremost Piano-Accordionist, Warner Bros)” wie mit der Bellini Ouvertüre “I Capuleti e I Montecchi” 1929 unter Beweis stellen sollte. Im Grunde war er es, der seinen jüngeren Bruder Pietro überhaupt zum Piano Akkordeon brachte, dennoch waren die beiden ein Leben lang in Konkurrenz wenn es darum ging, wer denn wirklich der Vorreiter oder “Daddy” des Akkordeons sein sollte.
Sein Spiel ist bereits rein optisch von beispiellosem Stolz geprägt. Auch unter Anbetracht des Instruments, dass er zur Verfügung hatte, ist seine Bellini Übertragung eine Meisterleistung; den hohen Luftverbrauch macht er durch flinke und saubere (und überraschend platzierte) Balgwechsel wett. Man beachte auch den Einsatz des Luftknopfs. Das Arrangement hat schon einen Touch Würthner Qualität: virtuose Kadenzeinschübe um Technik zu exponieren, ohne das Stück zu stören. Interessant gelöst ist auch die scharf punktierte Begleitfigur der linken Hand während des Themas: zunächst wird sie alleine mit breiten Bässen vorgestellt. Hat man sich eingehört, kürzt Deiro die linke Hand, um der rechten keine Luft zu stehlen.
Das Operettenspiel ist etwas aus der Mode gekommen in unseren Kreisen. Vielleicht zu unrecht? Hätte nicht jemand Lust, nach diesem Video wieder ein bisschen frühe Akkordeongeschichte nachzuempfinden?

3. Wer den Verlauf der Akkordeonvirtuosen weiterverfolgt, muss sich zwangsweise wundern, wie viele weltbeste Akkordeonisten in etwa zeitgleich alleine in einem Land auftreten können. Der dritte im Bunde ist Charles Magnante (1905 – 1986); in seinen Aufzeichnungen gern als “The World’s Greatest Accordionist” betitelt. Mit seinem Trio war er wie kein zweiter zu dieser Zeit im Funk vertreten: 30 live Sendungen und 8 Studiosessions die Woche soll er in Bestzeiten gespielt haben und in Stadien vor bis zu 40 000 Zuschauern aufgetreten sein. Als ein Standardwerk für Amerikanische Virtuosen gilt Accordiana von 1955. Die Aufnahme brilliert durch höchst präzise Läufe und zeigt, dass der Swing mittlerweile Einzug in die Akkordeonliteratur gehalten hat. Anders als in verlegten Notenausgaben angegeben, spielt Magnante selbst Akkorde links auf allen vier Zählzeiten und erweist sich auch in weiteren Aufnahmen als gewiefter Jazz Musiker. Betont wird in in Schlussakkorden die drei und auftaktig zur Gliederung die vier. Der zweite Teil schmeichelt mit einer rhythmischen Raffinesse: die Betonung von Zählzeit 2 und 3 wandert im folgenden Takt auf 1 und 2 und sorgt somit für jazzig-synkopenartigen Drive. Die hohe Virtuosität kommt überwiegend von Triolenrhythmik, die sehr akkurat ausgespielt wird. Achtelnoten sind binär gespielt und die Punktierungen, die ihnen zu Ende von Teil eins entgegengesetzt werden sind klassisch weich gespielt ohne nach missverstandenem Swing zu klingen.
Ich jedenfalls hätte nichts dagegen, immer wieder geforderten Klassiker wie “Tanzende Finger” auch mal mit Accordiana abzuwechseln. Wie seht ihr das? Kanntet ihr das Stück bereits, bzw. hat es schon wer gespielt?

4. Ebenfalls aus der Riege der Akkordeonpioniere, allerdings ohne es für nötig zu halten, sich mit fulminanten Titeln anzupreisen, gelang es Pietro Frosini (1885 -1951), sich in der Akkordeonwelt bis heute fest zu verankern. Kompositionen wie “Jolly Caballero” und “Love Smiles” sind aus dem Unterhaltungsrepertoire nicht mehr fortzudenken, seine vereinfachte Akkordnotation der linken Hand ist bis heute gebräuchlich. Obgleich Frosini bereits ab 1908 Einspielungen vornahm, fand ich eine Aufnahme, die die Nachhaltigkeit der Werke Frosini stärker zum Ausdruck bringt als seine eigenen Einspielungen: Mogens Ellegaard interpretiert “Carnival of Venice” in der Frosini Fassung. Ellegaard, der einer der bedeutsamsten Interpreten der Avantgarde werden sollte, nimmt sich einem Stück der “leichten” Unterhaltungsmusik an – aber wie! Eine größere Wertschätzung kann man einem Arrangement kaum entgegenbringen. Kadenzen aus anspruchsvollen Akkordbrechung fordern dem Interpreten perfekte Beherrschung des Handwerks ab, während geistreiche Variationen des Themas durch Umspielungen, rhythmische Verschiebungen, eingefügte Kontrapunktstimmen und typische Akkordeonspieltechniken wie den Schüttlebalg perfekte Instrumentenkenntnis und sorgfältige Kompositionsstudien Frosinis quittieren.

5. Auf die amerikanische Akkordeonfirma Petosa geht der Titel des “Weltweiten Vorreiter auf dem Konzertakkordeon” zurück. Gemeint ist damit kein geringerer als Anthony Galla-Rini (1904 – 2006)  der sein langes Leben der Etablierung des Akkordeons in Kreisen der gestandenen ernsthaften Instrumente wie Klavier und Violine widmete. Die Vehemenz, mit welcher er sich dafür einbrachte, könnte nicht deutlicher sein als in dem Dokumentarfilm über das Akkordeon “Behind the Bellows”. In dem sehenswerten Ausschnitt hebt er die Bedeutung des Melodiebass für die Anerkennung als Konzertinstrument hervor. Selbst war er in allen erdenklichen Einsatzbereichen für unser Instrument tätig: von CD und Soundtrack Einspielungen über Pädagogik bis zu hunderten Kompositionen, u.a. auch für Akkordeon mit Sinfonieorchester. Über Galla-Rinis Lebenswerk wird sein Beitrag in dem Filmausschnitt zu einem dieser Momente, die mich daran erinnern, dass wir nicht mehr versuchen müssen, das Rad neu zu erfinden; Es wurde so viel für das Akkordeon getan, es hat sich so viel entwickelt, dass wir heute auch einfach einmal stolz auf unser Instrument sein dürfen. Das Erbe, heute weiter für die Anerkennung des Akkordeons einzustehen, lässt sich vor diesem Hintergrund doch auch mit einer gewissen überlegenen Gelassenheit gegenüber den Vorurteilen tragen, oder nicht?!

6. Zum wertvollen Mitstreiter Galla-Rinis wurde bald sein früher Schüler Willard (Bill) A. Palmer (1917 – 1996). Eindrucksvoll spielt das Palmer Festival Orchestra sein Werk “Ombo”. Dieser selten gehörte Latin Tanz ist in der Tonsprache etwas vergleichbar mit Hans Brehmes Ballett-Suite: traditionelle Tanzformen treffen auf jazzig erweiterte Harmonik und kunstvollen Kontrapunkt. Zu beachten ist auch die Hingabe der Spieler bei der Tongestaltung über das rechte Handgelenk. Die Interpretation überzeugt durch eine gelungene Staffelung in den Ebenen Rhythmus, Melodieführung, Füllstimmen und Gegenstimmen. Nebst Kompositionen, Arrangements und Interpretationen als Akkordeonist und Dirigent ist es vor allem die wertvolle pädagogische Arbeit, die Palmer zu einer Größe der Akkordeon- und Musikgeschichte allgemein macht. Mit seinem früheren Schüler Bill Hughes veröffentlichte er die “Palmer-Hughes” Standardwerke und schuf 1946 eine der ersten Hochschulklassen, die das Akkordeonstudium bis zum Master anbieten konnten.

7. Nicht nur aufgrund ihrer einmalig erhabenen Ausstrahlung als Konzertmeisterin im obigen Palmer Festival Orchestra lohnt sich ein Blick auf Joan Cochran Sommers. In die amerikanische Akkordeongeschichte ging sie als letzte Professorin für Akkordeon in den USA ein und brachte namhafte Akkordeonisten in ihrer 1961 gegründeten Klasse in Missouri-Kansas City hervor (Derzeit lässt sich Akkordeon als Hauptfach tatsächlich nicht mehr offiziell in den Staaten studieren). Pädagogisches Wirken, zahlreiche Arrangements (vor allem auch für Akkordeonensemble und -orchester) sowie Auftritte als Akkordeonistin und Dirigentin machen J. C. Sommers zu einer wahren Grand Dame unseres Instrumentes. So kann man sie beim Coupe Mondiale jährlich als Leiterin des World Accordion Orchestras erleben und dabei große Persönlichkeiten unter ihrer Stabführung ausmachen: ein Video des WAO 2014. Hier haben wir eine wahre Power Frau und ein gelebtes Beispiel dafür, welche Früchte ein Leben mit dem Akkordeon im Mittelpunkt tragen kann.

8. Um den Kreis um Bill Palmer abzudecken, muss natürlich auch sein jüngerer Mitstreiter Bill Hughes (1926 – 1978) erwähnt werden. Leider ist das Netz zwar voll von Videos seiner pädagogischen Arrangements, Hughes selbst konnte ich allerdings nirgends entdecken; obwohl er bereits als Zwölfjähriger Radioaufzeichnungen einspielte. Höchst interessant kann man sich dennoch eines der Palmer-Hughes Hauptprojekte vorstellen: das Concert Trio mit zwei Akkordeons und Kontrabass. Fünf Tage die Woche fünf Stunden pro Tag probte die Formation über zehn Jahre hinweg und erspielte sich Ansehen für ihre Transkriptionen, auch in hohen klassischen Kreisen. Als Vorreiter für Einzeltonbass und Barockübertragungen bringen Palmer-Hughes einen wichtigen Anstoß: das Akkordeon ist ein farbenreiches Instrument – in mancher Hinsicht der Orgel bei Übertragungen sicher überlegen aber: Es ist kein Bassinstrument, kein großer Resonanzkörper. Dafür, dass dieses Trio klanglich also wirklich aus dem Vollen schöpfen konnte, ist diese Besetzung erstaunlich selten anzutreffen heute.
Ein Leser hier mit Erfahrungen eines “echten” Basses im Akkordeon-Ensemble oder Orchester?

9. Welche Titel könnte man an akkordeonistische Disziplinen noch so alles verleihen? Wie wäre es zum Beispiel mit dem “King and Master of the Bellow Shake”? Bitte: Tony Lovello, oft zusätzlich als “Liberace of the Accordion” bezeichnet. Nachdem ich mir das Video angesehen hatte, musste ich mich fassen – Das soll der König des Bellow Shakes sein? So wie der in der Tell Ouvertüre loslegt und Akkorde aus dem Handgelenk wie ein Sturmgewehr in seine Tastatur donnert, hätte er eher den Titel des “Roi de la Repetition” verdient. Verflixt, das ist aber französisch… Für seine Spezialtechniken muss man ihn jedenfalls respektieren, ist mir zuvor noch nie so unter die Augen gekommen. Rein musikalisch finde ich sein Spiel dafür etwas zu nüchtern brachial, obgleich seine Arrangements gespickt sind mit Humor und brillanter Virtuosität. Lovello ist ein Showman und bietet heute sogar Kurse an, in denen er gezielt vermitteln will, was ein Akkordeonist in sein Spiel zu integrieren hat, um eine Meute zu faszinieren. Sein jahrelanger Erfolg (alleine der Fakt, dass er mit Frank Sinatra auf der Bühne stand) gibt ihm das Recht dazu, sich in dieser Domäne als Guru zu positionieren. Und uns gibt es abermals darüber nachzudenken, in wie fern “höher, schneller, weiter” nicht doch Kriterien sind, um auf der Bühne zu bestehen…

10. Kontrastprogramm. Ein Musiker, der in jeder Bühnensituation die Ruhe selbst ist; in diesem Fall bringt er mit seinem relaxten Akkordeonspiel Gelassenheit in die Band trotz einem hochlebendigen Solo auf “Knochen” (tatsächlich, es lässt sich auf den Überresten eines Truthahns Musik machen, die sogar erstaunlich in die Beine fährt). Tony Dannons (1924 – 2011) Fassung von “Sweet Georgia Brown” ist kennzeichnend für seinen dezent unaufdringlichen Jazz. Er ist ein Musiker, der seinen Mitspielern zuhört und sie wohldosiert komplimentiert. Die Art und Weise, wie er reduziert und in weichem Staccato die Melodie vorträgt und dem Percussionisten den Vortritt lässt, ist musikalisch wie optisch charmant. Im Akkordeonsolo schafft Dannon dennoch, einen Höhepunkt zu setzen und das Stück so richtig aufzukochen. Seine Melodielinien finde ich makellos, seine Soli sprechen eine klare Sprache durch Sequenzieren von Akkordbrechungen und Licks und die klare Strukturierung von Ideen. Tony Dannon auf der Bühne zu sehen, steckt an mit Heiterkeit und macht Lust, 60ten Geburtstag zu feiern. Mit Musik und Freunden – soviel Freude, wie bei diesem Clip davon überspringt, am besten schon morgen.

11. Zurück zur Weltrangliste: Dick Contino (*1930) im “Fabulous Flamingo” Las Vegas – “Mr. Accordion” mit seinem Bravourstück Lady of Spain. Bereits 1948 war er mit dem Horace Heidt Orchestra als “World’s Greatest Accordion Player” angekündigt. In dieser Aufnahme stellt er unter Beweis, wie man eine Menschenmenge mit den Mitteln eines Virtuosen beeindruckt: Für seinen Bellow Shake erntet er wahre Beifallsstürme. Das Thema stellt er zu Beginn energiegeladen akzentuiert vor, dann arbeitet er Verzierungen und Triller ein und unterlegt die Melodie, indem er den Top Notes jeweils einen Akkordton hinzufügt, der chromatisch umspielt wird. Auch schnell abwärts arpeggierte Akkorde unter den Melodientönen und Effektglissandi bringen Speed in sein Spiel. Für das Vegas der Zeit, in der die Aufnahme aufgenommen wurde, also eine effektive Show-Einlage, in der sich Contino ordentlich austoben und sein Publikum mitreißen kann.

12. Von der großen Show Bühne zu einem Musiker mit einem etwas anderen Verhältnis zu Musik:  Leon Sash (1922 – 1979) interpretiert „Aren’t You Glad You’re You“. Das Hören seiner Improvisationen und der Versuch, ihn zu imitieren, löst in mir wirkliches Verlangen aus, ihm zu sagen, was für ein Glückspilz er sein musste, so zu spielen. Trotz beachtlicher Virtuosität wirkt sein Spiel niemals vordergründig technisch, seine Phrasen sind geladen von dialogähnlicher Intensität, ganz so, als würde sich der Titel des Stückes in seinen Chorussen niederschlagen. Mit acht Jahren erblindete Leon Sash; die einfache Heiterkeit in seinem Spiel erweckt in mir das Gefühl, dass er über seine Musik gelernt hat, die Schönheit der Welt ohne Pomp auf eine andere Art sinnlich zu erfassen. Hervorzuheben finde ich die Nebensächlichkeit seiner Glissandi, die eher Intonation andeuten, als auf Effekt abzielen. Sash war mit der besonderen Gabe ausgestattet, den oberen Handteil scheinbar zu trennen vom Daumen, so spielt er auflockernde Ghostnotes auf den Offbeats und brilliert mit einer Spezialfähigkeit: Triolenläufen, bei denen jeweils 1 und 3 der Triole noch einen Akkord darüber gesetzt bekommen und dadurch beschwingt tänzelnd anmuten. Man glaubt, zwei Akkordeonisten zu hören, die sich Akkorde und Läufe aufteilen. Ob es an Sashs speziell angefertigter Tastatur mit zwei zusätzlichen Reihen gelegen hat, so etwas umsetzen zu können? Leider konnte ich nirgends ein Video davon finden, wie er davon Gebrauch macht. Aber es zeigt, wie sehr Sash seiner Zeit voraus war, und dass der Akkordeonbau noch längst nicht im Endstadion angekommen ist. Kennt jemand hier ein ähnliches Instrument und eventuell einen Spieler, der es sich zu eigen gemacht hat?

13. Im Grunde war Mat Mathews (1924 – 2009) zwar Holländer, aber sein langer Aufenthalt in den USA und sein Wirken in der amerikanischen Jazzszene verwurzeln ihn doch fest in der dortigen Akkordeongeschichte. Mathews war ein Verfechter des Bop und sehr darum bemüht, für das Akkordeon in dieser Musikrichtung um Anerkennung zu kämpfen. Eine ruppige Absicht mit deutlich ruppig-boppigerem Akkordeonspiel als bei den anderen frühen Jazzakkordeonisten; eben “Mat’s Way”. Das Spiel des frühen Mat Mathews hat noch deutliche Blueseinflüsse jedoch ausgeprägte Bebop Phrasierung mit abgehackten Phrasen, dissonanten Sekundreibungen, mutig ausgehaltenen Einzeltönen im Wechsel mit Pausen und rhythmischen Staccati in parallel verschobenen Akkordeon und Quintklängen. Daher ist es aus heutiger Sicht nicht ganz griffig, wirkt ein wenig zu beabsichtigt. Mathews Einspielungen und Auftritte bleiben trotzdem Zeugnisse einer Entwicklung, die uns bis heute nicht loslassen möchte: Die Etablierung des Akkordeons auf unterschiedlichste Weise.

14. Einem ist es zu verdanken, dass mehr Menschen in den Genuss von Akkordeonmusik kamen, als ihnen bewusst ist: Frank Marocco (1931 – 2012), der wahrscheinlich am häufigsten aufgenommene Akkordeonist. Geschichten ranken sich darum, mit welcher Leichtigkeit und Routine er jeden Take im Studio auf Anhieb in Perfektion eingespielt hat. Nicht nur seiner technischen Perfektion, sondern vor allen Dingen seiner unfassbar sprechenden Klangästhetik und seiner unerschöpflichen Kreativität, Melodien auszugestalten und darüber zu improvisieren, Musik zu erfinden und zu arrangieren verdankt er höchstes Ansehen weit über Hollywood hinaus. Ist in einer Hollywoodproduktion aber Akkordeon zu hören, geht man kein hohes Risiko ein, dabei auf Marocco zu wetten: Ellenlang ist seine Filmografie von Matrix, Fluch der Karibik, Drei Engel für Charlie bis zu Ratatouille und Ice Age. Jeder Soundtrack brilliert mit detaillierter Stilkenntnis und Akkordeonsound und -spiel, wie sie sich perfekter in den Gesamtklang nicht integrieren könnten und der Musik über das Akkordeon Charakter geben: Mal melancholisch, mal verträumt, mal unbekümmert tänzerisch. Gerade das Unbekümmerte – diese Aufhellung und dieser Lichtblick in jedem Stück – ist es, was die Musik Maroccos für mich so einzigartig berührend macht. „War es nicht zauberhaft?“ müsste ein Stück, das im Gedenken an Frank Maroccos Spiel geschrieben wird, genannt werden. Ganz gemäß einer meiner Lieblingsinterpretationen von Stevie Wonders „Isn’t She Lovely“. Obwohl er überwiegend in Bandumgebungen berühmt wurde, hat er eine ganz eigene Art des Solo Jazz Akkordeonspiels gefunden, der es wirklich an nichts fehlt. Sein Kopfnicken transportiert ein unvergleichliches Timing und Groove Feeling direkt an die linke Hand, die nicht nur spröde Bass/Akkord Begleitungen spielt, sondern sich über kontrolliertes Spiel an der Oberfläche perfekt der Melodie unterordnet und diese mit tiefer gedrückten Grundbässen in rhythmischen Einwürfen, Offbeats oder Akkord Ghost Notes vorantreibt. Eine komplette Rhythmussektion in einer Hand und – das ist das Erstaunliche – an einem Balg mit der Melodie! Das ehrliche Lächeln Frank Maroccos und die Art, wie er in Gestik und Mimik den Zuhörer involviert, finden sich in seinem dialogischen Spiel wieder. Statt sein Instrument an Höhepunkten zu quälen und zu überziehen, legt er galant den Kopf zurück und lässt die Intensität der Tonhöhen ganz für sich sprechen. Es ist auch seine Art, sich selbst zuzuhören, die den Genuss an seiner Musik für jedermann unumgänglich macht: Diese Art, wie er sich freut nach hochvirtuosen Ausflügen, die selbstverständlicher und unaufdringlicher kaum sein könnten; ganz als wäre es ein geglückter Scherz, ein angekommener Ausdruck von Entzückung gewesen. Leichtigkeit und Groove transportiert auch die rechte Hand, die unter die Melodie immer wieder fluffige Akkorde und Ghost Notes legt. So gelingt die Staffelung von Melodie, Comping und Rhythmus, die Big Band Feeling aufs Akkordeon transportiert. In Maroccos Sprechstimme liegt die Liebenswürdigkeit eines Musikers, der seinen Zuhörern eine frohe Botschaft mit auf den Weg geben möchte. In Maroccos Musik liegt eine Unbekümmertheit, die auf eigentümlichste Art mit Lebensfreude und freundlich-positiver Energie ansteckt. Welches schönere Geschenk könnte ein Musiker in diesen Zeiten an sein Publikum überreichen?

15. Welches Adjektiv ist das Eindruck schindende Zauberwort für die Begeisterungsfähigkeit der heutigen Kids und Teens? Na sicher: “cool”. Wer Coolness an den Tag legt, erntet Respekt bei Männlein und Weiblein und braucht vor keiner Autorität den Schwanz einzuziehen. Was unterscheidet die coole Socke vom Waschlappen? Coolness ist Selbstvertrauen, Selbstvertrauen ist Selbstkenntnis und Sachverstand, Sachverstand ist Wissen und Wissen ist zum Beispiel, den etymologischen Zusammenhang vom englischstämmigen Wort “Coolness” (von kühl/kalt) am Anfang eines ellenlangen Satzgefüges zu einer heimischen Floskel wie “einen kühlen Kopf bewahren” herstellen zu können. Anmerkung: die Anwendung von derart isoliert exponierter Coolness ist mit sehr viel Vorsicht zu genießen, da man dabei ein hohes Risiko eingeht, als Besserwisser oder Nerd abgestempelt zu werden und nichts als die coole – nein kalte – Schulter von seinen Peers gezeigt zu bekommen. Genug schwadroniert: cool ist, wer etwas auf dem Kasten hat und es, ohne dabei aufdringlich anzugeben, unter die Leute bringt; wer etwas so blind beherrscht, dass er es selbst in Stresssituationen mit Lässigkeit unter Beweis stellen kann. Das sieht man, das hört man und das fühlt man. Es steckt an und ruft Nachahmer unter jung und alt hervor. Ganz so wie das hier also: Art van Damme (1920 – 2010) mit seinem Quintett live in Berlin. Was für ein Typ! Das Tempo hat mit 310 BPM die Richtgeschwindigkeit im Berlin der 80er Jahre längst überschritten, jeder kennt diesen Standard in und auswendig und die Atmosphäre kocht – doch Art van Damme schüttelt sich Improvisationen aus dem Handgelenk, dass es dem Zuschauer selbst beim Hochziehen der Augenbraue und breit grinsenden Kopfschütteln nicht möglich ist, ansatzweise an diese Coolness heranzureichen. Wirklich cool sein? So gehts:
1. Sein Instrument beherrschen. Blind. Was das bedeutet und was die nächsten 10 Schritte für die nächsten 20 Jahre auf dem Weg dorthin sind, kann der eigene Akkordeonlehrer am besten einschätzen (ein Punkt, an dem ich selbst noch die nächsten 20 bis 40 Jahre hart arbeiten werde. Sollte es genügen, um anschließend etwas an der Ausdrucksfähigkeit eines Art van Damme kratzen zu können, so werde ich diesen Blogeintrag kommentieren und berichten, wie wundervoll es sich anfühlt. Sollte es nicht genügen, so werde ich diesen Blogeintrag ebenfalls kommentieren und berichten, wie schön es sich angefühlt hat, 40 Jahre immerhin diesem Ziel zugearbeitet zu haben und weitere 40 darin zu investieren).
2. Die Aufmerksamkeit des Publikums mit einer Intro catchen. Spannungsaufbau mit rhythmischen Akkordrückungen im Duke Ellington Stil, virtuoses Arpeggio abwärts, Triller in Manier einer klassisch endenden Kadenz. Thema vorstellen (freely, leicht reharmonisiert, mit verschmitztem Grinsen seinem Akkordeon lauschend, Längen mit virtuosen Skalenläufen ausgestalten), die Band mit dem Aufgriff der rhythmisierten Akkorde am Beginn einfangen.
3. Solide das Thema zu Ende führen und in den Chorus starten. Bebop Phrasen mit chromatischen Zwischentönen abfeuern, Charlie Parker Endungen kennen. Zur Orientierung bei Hochgeschwindigkeit Zentraltöne umspielen und sich an kleinen Intervallen entlang hangeln, die mit Akkordbrechungen oder Umspielungen ausgeschmückt werden. Die Stimmung aufkochen mit kurzen Licks, die über mehrere Takte wiederholt werden können und die Spannung steigern. Sequenzieren und ökonomisch smart mit Ideen umgehen; diese nachvollziehbar verarbeiten. Wiederholte Konturen mit Dissonanzen würzen und seine eigenen Ideen damit scherzhaft wiederaufgreifen. Eigens entwickelte Spezialtechniken an den Tag legen (hier: Rutschen über die Tastatur und Spielen einer Melodie auf den oben erreichten Tönen). Abschließen durch ein Motiv mit Wiedererkennungswert, das an den nächsten Solisten übergeben wird.
4. Während der Chorusse seiner Mitmusiker weiter die Stimmung ankurbeln, an der Intensität teilhaben, zuhören und rhythmisch für Drive sorgen.
5. Im Dialog/in der Kollektivimprovisation Ideen weiterknüpfen und klare Konturen spielen, die das Gesamtspektakel aufrecht und durchsichtig erhalten.
6. Wieder solide ausgesetzt das Thema vortragen, in der Bridge ein paar Freiräume zur virtuoseren Ausgestaltung ausnutzen.
7. Mit einer Kadenz (Arpeggien, Akkordbrechungen und Sequenzierung) einen ordentlichen Abschluss hinlegen. Den Applaus genießen und die Arme baumeln lassen. Sich freuen, dass noch in 27 Jahren Menschen diesen Auftritt spektakulär finden werden.
Coolness hat also auch etwas mit Nachhaltigkeit zu tun. Damit, sich zu verwirklichen und ein Lebenskünstler zu sein. Ganz ehrlich, welches Mittel sollte dazu naheliegender sein, als Musik zu machen?Zeigen uns Beispiele wie dieses nicht eindrucksvoll, wie cool Akkordeon war, ist und für immer sein kann? – Mit etwas mehr Zeit könnte man eventuell sogar noch nachweisen, dass der Jugendkult der Hüfthose auf Art van Dammes extra tief hängendes Akkordeon zurückzuführen ist…

16. “No one is doing more for the image of the Accordion” (Maria Bartiromo (NBC/Fox), englisch: “Niemand tut mehr für das Ansehen des Akkordeons”). Sein oberstes Ziel zufolge eines Interviews im Providence Sunday Journal: “Making the accordion cool”. Das passt doch wie die Faust aufs Auge! Dieses Mal geht es um den derzeit sicherlich furiosesten Nachwuchsakkordeonisten aus den USA: Cory Pesaturo. Erlauben wir uns einen kurzen Schwenk auf seine Laufbahn: Da Akkordeon nicht mehr als Hauptfachstudium in den USA zu belegen ist, gelang es Cory, sich mit seinem Instrument und dem Saxophon für das Fach Kontemporäre Improvisation in Boston einzuschreiben. In diesem Studium setzte er sich intensiv mit Klassik, Avantgarde, vor allem aber Jazz, Klezmer und Folklore aus Bulgarien, Frankreich und Italien auseinander. Meiner Meinung nach sucht Cory seinesgleichen, wenn es darum geht, handwerkliche Grundlagen der Improvisation spontan und in hochvirtuoser Meisterklasse abzurufen. Das beginnt bei der Beherrschung des Akkordeons im Blindflug (die Beherrschung dieser rasanten Finger miteingeschlossen) und reicht bis zur vollkommenen Überlegenheit über musiktheoretische Grundlagen gepaart mit dem sattelfesten Selbstbewusstsein, in jeder Situation die richtigen Töne auf der Bühne griffbereit zu haben. Nahezu wahnwitzig ist die Risikobereitschaft dieses Musikers, sodass er, um einen internationalen Wettbewerb zu spielen, auch nicht davor zurückschreckt, kurz vor dem Auftritt einfach auf ein fremdes Instrument umzusteigen und anstatt mit der Band vorher intensiv zu proben, lieber die Stimmung mit Witzen und Sprüchen ankurbelt und darauf verweist, dass Jazz in dieser Stunde ohnehin nicht mehr geprobt werden kann. Was dabei herauskommt? Ein erster Platz, natürlich: Cory Pesaturo mit 24 Jahren beim Primus Ikaalinen. Den Mut, auf so einer Bühne vor einer renommierten Fachjury ausschließlich über Standards wie Caravan und Cherokee zu improvisieren, muss man erst einmal aufbringen. Nach Manier der alten Virtuosen wirft er bald in seiner Performance das 16′ Register über Bord und macht ordentlich Druck in der Band mit Improvisationen in Tutti. Zu bemerken daran ist, wie selbstverständlich der Bellow Shake als Steigerungsmittel in sein Spiel einfließt. Rasante Arpeggien und Läufe über die ganze Tastatur werden gewürzt mit schrägen Outside Ausflügen und Effektläufen, wie man sie von Art van Damme kennt. Unvorstellbar, was ein Normalsterblicher dafür üben muss, die Verbindung von innerem Ohr zur Hand auf diese Highspeed Umsetzung zu trimmen und überhaupt so eine Vorstellungskraft und Rechenkapazität zu entwickeln. Bass Linien unabhängig über MII Grundbässe wandern zu lassen, scheint nur eine Kleinigkeit für dieses Superhirn zu sein. Hat dieser Mensch noch ein Leben außer Musik? Zweifelsohne. Während andere Kids geübt haben, soll er sich lieber mit Autorennen beschäftigt haben und auch heute genießt er Musik eher wie ein Hobby und beschäftigt sich nebenbei hochprofessionell mit Formel 1 und Meteorologie – Akkordeon geübt hat er ja schon genug. Man muss bei Cory Pesaturo schon von einem besonderen Talent sprechen. Kleiner Wermutstropfen: unter all den vielen Tönen, den perfekt strukturierten Soli und dem astreinen Feeling für den Jazz heute fehlt hin und wieder ein einzig schönes Tönchen, dass die Zeit hat, zu berühren, zu rasten und zu bleiben. Andererseits: Wer rastet, rostet. Aber wer rast, ist cool und das ist das Ziel von Cory Pesaturo. Ein Pilot, der das Akkordeon auf die Überholspur schickt und den Zuschauer im Fahrtwind seiner Virtuosität mitreißt.

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